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Von drukseln und tikseln

Hendrick Nicolaas Werkman, Umschlag der Tiksel, um 1926 © Groninger Museum

Von drukseln und tikseln

Was ist ein Druksel?

Werkman war sowohl Quereinsteiger wie Experte. Er entwickelte sich von einem ästhetisch anspruchsvollen, kommerziellen Drucker hin zu einem Künstler, dessen Inspiration sich sowohl aus dem Druckerhandwerk, als auch aus seiner Kenntnis der Entwicklungen und Tendenzen der internationalen Avantgarde speiste. Mit und in seiner Zeitschrift The Next Call formulierte er seinen Beitrag zur modernen Kunst. Mit seinem künstlerischen Manifest, dem Rosa Pamphlet, trat er programmatisch in Erscheinung und brachte in diesem Text seine ästhetisch-weltanschaulichen Visionen zum Ausdruck. Dabei lässt Werkman keinen Zweifel daran, dass er sich innerhalb der internationalen Avantgarde verortet sieht.

Den wirtschaftlichen Problemen der Nachkriegszeit konnte er nicht trotzen und musste zu Beginn der 1920er-Jahre seine Druckerei erheblich verkleinern, was für seine künstlerische Entwicklung eher eine glückliche Fügung war. Nun konnte sich der Freigeist, der er war, der Entwicklung seiner eigenen künstlerischen Sprache zuwenden, in dem er begann, mit Druck-Materialien zu experimentieren und seine Kunst, seine druksel, zu entwickeln. In dieser Phase setzt das bewusste künstlerische Schaffen Werkmans ein, wobei er sich eindeutig als ein auf dem Boden der Moderne stehender Künstler verstand.

Werkman vollzieht in seinen Drucken dabei nie komplett den Schritt hin zu jener technischen Exaktheit, Klarheit und Kälte in den Formen, wie sie die Werke der Konstruktivisten auszeichnen. Die Farbflächen in seinen Drucken sind nie einheitlich oder gleichmäßig in der Farbgebung, wie auch die Konturen nie als kantenscharf gedruckte Linien erscheinen. Die Handschrift des Künstlers bleibt im Kunstwerk immer sichtbar. Ein Charakteristikum, das die expressionistische Kunst im Besonderen auszeichnete. Ihre Bildformen fokussierten gerade auf den individuellen Ausdruck.

Und Werkman arbeitet bei seinen drukseln nicht auf die übliche Art und Weise mit Lettern, sondern experimentiert mit freien Formen, Blindmaterial oder zur Seite gekippten Letternblöcken, wodurch es ihm gelingt abstrakte Formen zu erzeugen. Druksel beschreibt somit eher eine Methode wie wir sie von den Fotogrammen kennen, nur werden dort die Gegenstände auf einem Fotopapier in der Dunkelkammer ausgebreitet. Dann wird das gesamte Papier mit belichtet und anschließend entwickelt. So zeichnen sich im fertigen Fotogramm die zuvor auf dem Papier arrangierten Gegenstände als mehr oder minder abstrakte Formen ab. Was bei den Fotogrammen das Licht ist, ist bei Werkman die Druckpresse. Er arrangiert seine Materialein auch auf, nicht unter dem Druckpapier und jede Form wird einzeln gedruckt, so dass einige seiner Blätter in bis zu 50 Druckvorgängen entstehen.  

Werkman steht mit seinen Arbeiten irgendwo zwischen den beiden, klar definierten Polen Expressionismus und Konstruktivismus. Vielleicht auch darum, weil seine druksel nicht die Exaktheit des reinen Konstruktivismus zeigen, sprach Willem Sandberg, der ehemalige Direktor des Stedelijk Museum Amsterdam, von „hot printing“.

 

Was ist ein Tiksel?

Tiksel – oder mit der Schreibmaschine zeichnen
Der Begriff tiksel leitet sich von dem niederländischen Wort tikken ab, was im Deutschen so viel heißt wie Schreibmaschine schreiben. Nur schreibt Werkman nicht im ursprünglichen Sinn mit der Schreibmaschine, sondern nutzt sie als eine kleine Druckerpresse oder auch als mechanischen Zeichenstift für abstrakte Kompositionen. Werkmans Schreibmaschinen-Kompositionen aus der Mitte der 1920er-Jahre zählen zu den frühesten Exemplaren. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde diese Kunsttechnik von einigen Fluxus-Künstlern wieder aufgegriffen.

Da die tiksel auch an frühe Computerkunst erinnern, verwundert es nicht, dass die Blätter anlässlich einer Ausstellung im Van Gogh-Museum Amsterdam im Jahr 2008 in den Medien auch als „ASCII-Kunst“ betitelt wurden. ASCII steht für „American Standard Code for Information Interchange“ (dt.: Amerikanischer Standard-Code für den Informationsaustausch) und war eine 7-Bit-Zeichenkodierung. Der ASCII-Code wurde am 17. Juni 1963 gebilligt und zuletzt im Jahr 1986 aktualisiert. Diese heute nicht mehr gebräuchliche Zeichenkodierung definiert 128 Zeichen, bestehend aus 33 nicht druckbaren sowie 95 druckbaren Zeichen.

 

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